
Münster, 07.09.2026
Sehr geehrter Herr Fuchs,
wir danken Ihnen für Ihre Nachricht. Natürlich freuen wir uns – in Anbetracht der bislang aussichtslosen Situation – über jede Möglichkeit, Räumlichkeiten zu nutzen. Wir möchten Ihnen allerdings trotzdem nochmal unseren Standpunkt darlegen und damit deutlich machen, dass dies als Lösung des Problems keinesfalls ausreicht. Wir fordern Sie daher mit dieser Mail zum wiederholten Mal auf, sich öffentlich sowohl gegen unsere Kündigung als auch gegen die unhaltbaren Wohn- und Lebensbedingungen im LEG-Bestand in Münster zu positionieren!
1. Wir versuchen seit Januar diesen Jahres einen Kontakt zu Ihnen herzustellen, um ein persönliches Gespräch über unsere Arbeit, die Kündigung durch die LEG und die allgemeinen Probleme und Missstände in Berg Fidel zu führen. Jeweils am 26. Januar, sowie am 5. März, haben wir Ihnen dazu E-Mails mit einer persönlichen Gesprächseinladung zukommen lassen. Ebenso haben wir mehrfach Mails an die Stadtverwaltung, u.a. mit Zustands-Berichten bezüglich der LEG-Problematik, geschrieben, wozu auch bereits Treffen stattgefunden haben. Weiter haben wir in den letzten Monaten intensive Öffentlichkeitsarbeit geleistet, durch die viele Münsteraner:innen auch über Berg Fidel hinaus bereits von dieser Problematik erfahren haben und sich regelmäßig nach dem aktuellen Stand erkundigen. Nicht zuletzt haben wir in Gesprächen mit Politiker:innen aller im Rat vertretenen Parteien die Situation dargelegt und um Unterstützung in Form von öffentlichen Statements gebeten.
Es ist für uns deshalb nicht nachvollziehbar, warum Sie behaupten, bisher nichts mitbekommen zu haben. Zudem scheinen Sie über Gerüchte, die die LEG im Bezug auf unsere Sache an verschiedenen Stellen verbreitet hat, informiert zu sein. Das lässt den Eindruck entstehen, dass Sie uns und die Probleme in Berg Fidel aktiv ignorieren wollen.
Warum haben Sie sich nicht mit der Angelegenheit beschäftigt? Warum werden Geschichten, die die LEG erzählt, nicht hinterfragt? Warum wurden wir bislang nie von Ihrer Seite um Stellungnahme gebeten?
2. Das Angebot, alternative Räume für unsere Beratungen nutzen zu können, ist für uns nicht ausreichend, und als Lösung der Gesamtsituation nicht akzeptabel. Unsere Beratung ist nur ein Teil unserer Arbeit. Neben offenen Cafés, verschiedensten Treffen, Versammlungen oder Kochabenden gehörte und gehört auch der öffentliche Protest und das Artikulieren der Missstände, die unser Leben verschlechtern, zum festen Teil unserer Initiative. Berg Fidel Solidarisch ist eine Initiative, die ausschließlich vom Engagement unserer Mitglieder getragen wird. Die jahrelangen Missstände hier im Viertel, verursacht durch die LEG, aber auch das Nichts-Tun der Politik gegen dieses Problem, sind ein Hauptgrund für unsere Gründung und machen unsere Arbeit für viele unserer Mitglieder und Nachbar:innen bis heute notwendig. Denn wir wissen, dass einzelne Mietkürzungen oder hier und da eine Beschleunigung der Vorgänge innerhalb der LEG das grundlegende Problem nicht verändern. Es braucht eine strukturelle Veränderung: mit unseren Wohnungen und unserem Viertel darf kein Profit gemacht werden, sonst wird es keine Lösung der Probleme geben!
Gerade diese Verbindung von dem konkreten Kampf für die Interessen der Mieter:innen mit dem Engagement für grundlegende politische Lösungen, ist der Grund, warum so viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Es kann daher nicht funktionieren, unsere Initiative auf das Stattfinden der Beratungen zu reduzieren. Wir benötigen Räume, in denen wir uns unabhängig selbst organisieren können und unsere Meinungen auch öffentlich ausdrücken können.
3. Dem Kündigungsgrund der LEG wird mit Ihrem Angebot nicht begegnet: Die LEG kündigt unsere Räumlichkeiten nicht aufgrund unserer Mietberatung, sondern ganz offen, weil wir durch öffentliche Kritik an den unzumutbaren Wohnverhältnissen dem Geschäftsmodell der LEG schaden. Ihre Nicht-Positionierung ist nichts anderes als die Akzeptanz dieser skandalösen und anti-demokratischen Haltung eines privaten Immobilienkonzerns!
Wir fragen uns: Haben Sie keine Macht oder keinen Willen, dem etwas entgegenzusetzen? Wovor haben Sie Angst? Welche Nachteile werden Sie haben, wenn Sie sich öffentlich dazu äußern? Stehen Sie als Oberbürgermeister dieser Stadt auf der Seite der Menschen oder auf der Seite eines privaten Immobilienkonzerns?
Öffentliche Kritik und Protest gegen die Machenschaften der LEG ist notwendig! Wir wollen, können und werden auf unser Recht auf Kritik und Widerstand gegen diese Zustände nicht verzichten.
Wir fordern Sie hiermit erneut auf, uns mit einem öffentlichen Statement in diesem Kampf zu unterstützen und sich klar auf unserer Seite – auf der Seite der Menschen, der Mieter:innen, der Leidtragenden dieser Politik – zu positionieren. Wir sind überzeugt, dass Ihre Stimme nicht egal ist und helfen kann, den Druck auf die LEG weiter zu erhöhen.
4. Gerade weil es sich um ein laufendes (Gerichts-)Verfahren handelt – und die LEG damit noch nicht mit ihrer skandalösen Kündigung durchgekommen ist, ist es von entscheidender Bedeutung, dass Sie sich noch vor Beginn des Gerichtsprozesses hierzu äußern. Die Kündigung von Berg Fidel Solidarisch ist eben – wie des Öfteren dargelegt – kein rein technischer oder privatrechtlicher Vorgang. Es ist eine politische Frage, die somit auch von ihrem Willen und ihrer Positionierung beeinflusst werden kann.
Sie und ihre Partei, Bündnis 90/Die Grünen, haben im vergangenen Wahlkampf einige Stunden in Berg Fidel verbracht und uns versichert, sich – sollten Sie an die Macht kommen – besonders für die Menschen in Berg Fidel und unseren Stadtteil einzusetzen. Bisher merken wir wenig von diesem besonderen Engagement.
Sie haben im vergangenen Wahlkampf selbst deutlich gemacht, welchen Anspruch Sie an Ihre Politik haben. Sie schrieben: „Wohnen ist ein Grundrecht und darf kein Luxus sein.“ Und Sie warben mit den Worten: „Ihre Stimme für mich ist eine Stimme für soziale Gerechtigkeit und bezahlbaren Wohnraum in Münster. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass Wohnen kein Luxus wird.“ Auch in Ihrem Programm heißt es: „Soziale Gerechtigkeit spielt für uns eine entscheidende Rolle – und die beginnt vor Ort.“ Unter der Überschrift „Zusammen für starke Viertel“ versprechen Sie zudem: „Wir unterstützen Quartiersmanagement und Nachbarschaftsinitiativen.“
Wir nehmen Sie bei diesen Aussagen beim Wort. Berg Fidel ist genau der Ort, an dem sich zeigen muss, was diese Versprechen wert sind. Hier leben Menschen seit Jahren mit den Folgen der Geschäftspolitik der LEG. Hier engagiert sich eine Nachbarschaftsinitiative für die Interessen von Mieter, für bessere Lebensbedingungen und für ein solidarisches Viertel. Und genau diese Initiative soll nun ihre Räume verlieren, weil sie die Missstände öffentlich kritisiert. Wenn soziale Gerechtigkeit vor Ort beginnt und starke Viertel durch Nachbarschaftsinitiativen entstehen sollen, dann erwarten wir von Ihnen, dass Sie sich auch in diesem konkreten Konflikt an die Seite der Menschen in Berg Fidel stellen.
Lassen Sie nicht zu, dass die LEG mit diesem Spiel durchkommt und sich de facto zur Regierung über Berg Fidel erheben kann. Helfen Sie, unsere demokratischen Rechte auf Selbstorganisation, Kritik und Widerstand gegen einen Konzern zu verteidigen, für den unsere Leben lediglich Zahlen in ihrem Streben nach Profit sind. Lassen Sie nicht zu, dass in Berg Fidel ein solches Exempel statuiert werden kann, ohne dass sich der Bürgermeister klar auf der Seite der Mieter:innen und der im Viertel lebenden Menschen positioniert.
5. Ihr Verweis auf ein „laufendes Verfahren“ ist eine klare Positionierung auf Seiten der LEG. Es ist Teil des politischen Problems, dass die LEG diesen Konflikt als einen „privatwirtschaftlichen“ hinstellen und auch führen kann. Es ist ja eben das Problem, dass der LEG fast unser gesamter Stadtteil gehört – nicht nur ein Großteil der Wohnungen, sondern auch ein erheblicher Teil der öffentlichen Flächen. Die Ursache der vielen Missstände ist, dass die Politik (konkret CDU & FDP) die LEG 2008 verkauft und seitdem keinerlei Handhabe mehr über deren Machenschaften zu haben scheint. Es ist gerade in Berg Fidel ein riesengroßer Skandal, weil die LEG damit de facto die Macht über einen gesamten Stadtteil besitzt.
Es kommt einer politischen Bankrott-Erklärung nahe, dass Sie hier angeblich nichts machen können und es auch ansonsten keine ernsthaften Reaktionen auf die von uns artikulierten Missstände gibt.
Sind Ihnen die Menschen hier egal? Für wen machen Sie Politik?
Wir werden diesen Text innerhalb der nächsten Tage zusätzlich als offenen Brief veröffentlichen und den üblichen Medienvertreter:innen zukommen lassen. Für uns hat die Sache aufgrund des laufenden Gerichtsverfahrens und, trotz mehrfacher Bitten und Gespräche, keines konkreten Handelns, weder von Ihnen noch dem Bezirksbürgermeister Herrn Schade, eine gewisse Dringlichkeit.
Freundliche Grüße aus Berg Fidel
Stadtteil-Gewerkschaft Berg Fidel Solidarisch

