
Ende März 2026 hat die einzige Hausarztpraxis im Stadtteil Berg Fidel geschlossen. Seitdem gibt es keine ärztliche Versorgung mehr vor Ort. Trotz längerer Ausschreibung konnte kein*e Nachfolger*in für den Kassensitz gefunden werden. Die Einwohner*innen von Berg Fidel sind erschüttert.
„Wie kann es sein, dass nun alle von uns für einen Termin quer durch die Stadt müssen? Viele von uns sind älter, wenig mobil und haben chronische Krankheiten. Und wenn wir akut krank sind, sollen und wollen wir doch nicht über 15 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur nächsten Praxis fahren. Da ist das Ansteckungsrisiko für andere doch viel zu hoch“ stellt Daniella aus Berg Fidel fest.
Gestern wurden im Rahmen der Kommunalen Gesundheitskonferenz knapp 100 Unterschriften für eine Hausarztpraxis in Berg Fidel an Cornelia Wilkens Vorsitzende der Gesundheitskonferenz überreicht. „Die Unterschriften drücken Enttäuschung, Frustration und die Forderung nach einer Lösung vor Ort aus und sind eine lautstarke Handlungsaufforderung an die Stadt“ so Nino von Berg Fidel Solidarisch.
Auf der Konferenz, bei der auch die kassenärztliche Vereinigung Westphalen- Lippe teilnahm, wurde unter anderem über den Gesundheitskiosk gesprochen, der im nächsten Jahr in Berg Fidel entstehen soll. Was dieser konkret leisten wird, ist noch nicht klar, fest steht aber, einen Arzt oder eine Ärztin ersetzt er nicht, auch wenn das von manchen Politiker*innen so verkauft wird.
In Berg Fidel leben derzeit knapp 6000 Menschen, das sind deutlich mehr, nämlich das Dreifache an Patient*innen, die normaler Weise pro Kassensitz zugerechnet werden. Dennoch rentierte sich die Hausarztpraxis unter der Leitung von Dr. Post nicht. Im Stadtteil wohnen unterdurchschnittlich wenige Menschen mit einer privaten Krankenversicherung und die meisten haben ein verhältnismäßig geringes Einkommen. Beides sind Faktoren, welche sich negativ auf die Rentabilität eines Praxisstandortes auswirken. „Solange das Gesundheitssystem und die ärztliche Versorgung auf Profite ausgerichtet ist, werden Stadtteile wie Berg Fidel vernachlässigt werden. Trotz langer Ausschreibung des Kassensitzes wurde keine Nachfolge für die Praxis gefunden. Der Standort rentiert sich einfach nicht und das finanzielle Risiko ist anscheinend zu hoch“ so Nino von Berg Fidel Solidarisch.
Hierbei handelt es sich aber um existenzielle gesundheitliche Daseinsvorsorge. Denn die Auswirkungen sind fatal. Menschen in Armut haben ein bis zu 300%iges höheres Risiko chronisch zu erkranken. Hinzukommend wohnen viele ältere Menschen im Stadtteil mit geringer Mobilität. Die wenigsten Hausarztpraxen machen noch Hausbesuche und somit wird der Termin bei der Ärztin zukünftig zur logistischen Herausforderung.
„Hierbei handelt es sich ganz klar um ein Versagen seitens Politik, Verwaltung und kassenärztlicher Vereinigung. Es gab genug Möglichkeiten die ärztliche Versorgung in Berg Fidel sicherzustellen. Finanzielle und räumliche Anreize hätten für eine neue Praxis geschaffen werden können. Aber auch ein kommunales medizinisches Versorgungszentrum wäre eine sehr gute Lösung gewesen. Auf uns wirkt es so, als wäre es gar nicht richtig versucht worden eine Lösung hier vor Ort zu finden“ teilt Nino mit. Bei einem kommunalen Versorgungszentrum in öffentlicher Hand hält die Stadt den Kassensitz und stellt Ärzt*innen als Beschäftigte an. Dieses Modell findet immer mehr Anwendung in ländlichen und städtischen Gebieten, in denen sich keine Ärzt*innen selbstständig niederlassen.
Ein geeignetes Mittel, um die gesundheitliche Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen.
Bei der Schließung der Hausarztpraxis handelt es sich um die Fortführung eines besorgniserregenden Trends. Bereits in der letzten Bezirksvertretungssitzung Münster Hiltrup im Preußenstadion hat Natalia Sikach von Berg Fidel Solidarisch Politik und Verwaltung darauf hingewiesen, dass die Daseinsvorsorge in Berg Fidel immer mehr schwindet. „Post, Sparkasse, Arztpraxis – alles verschwindet hier und die Räume bleiben leer zurück“. Auf die Frage was Politik und Verwaltung hiergegen zu tun gedenken, erhielt sie leider keine substanziell zufriedenstellende Antwort, sondern lediglich den Hinweis, dass der Supermarkt und die Apotheke ja immerhin noch da wären. Auch nicht viel mehr als ein Trostpflaster, zumal die Sorge in Berg Fidel groß ist, dass ohne Praxis nebenan die Apotheke ebenfalls schließen könnte.
