LEG verklagt Nachbarschaftstreff – Immobilienkonzern reicht Räumungsklage gegen Verein in Berg Fidel ein

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Münster, 08. Juni 2026. Der Immobilienkonzern LEG hat Räumungsklage gegen den Nachbarschaftstreff Berg Fidel e.V. eingereicht. Das teilte der Verein heute mit. Der Nachbarschaftstreff ist Trägerverein der Stadtteilgewerkschaft Berg Fidel Solidarisch und nutzt seit April 2024 die Räume der ehemaligen „Alten Post“ am Rincklakeweg 21.
In den Räumlichkeiten finden unter anderem die wöchentliche Lebensmittelausgabe der Tafel, die solidarische Mietberatung von Berg Fidel Solidarisch sowie Nachbarschaftstreffen statt. Die Ehrenamtlichen hatten die Räume nach ihrem Einzug in erheblichem Umfang renoviert und finanzieren die Miete ausschließlich durch Spenden.
Bereits Ende September, nach weniger als sechs Monaten Mietdauer, kündigte die LEG das Mietverhältnis. Als Begründung führte das Unternehmen unter anderem an, der Treff biete nicht den gewünschten „Mehrwert“ für die Nachbarschaft und öffentliche Kritik von Berg Fidel Solidarisch habe das Vertrauensverhältnis belastet. Die Initiative weist diese Vorwürfe zurück und verweist auf die breite Unterstützung im Stadtteil: Hunderte Nachbar:innen beteiligten sich in den letzten Monaten an Unterschriftensammlungen, Kundgebungen und öffentlichen Veranstaltungen für den Erhalt des Treffpunkts. Zugleich betont der Verein, dass sich seine Kritik auf Missstände bezieht, die unter Mieter:innen in Berg Fidel seit Jahren bekannt sind und wiederholt Gegenstand öffentlicher Debatten und lokaler Medienberichte waren. „Die Ursache negativer Berichterstattung sind nicht diejenigen, die Probleme benennen, sondern die Probleme selbst“, erklärt der Nachbarschaftstreff.
Nach Angaben des Vereins blieben Bemühungen um eine einvernehmliche Lösung ohne Erfolg. Im März wandten sich die Ehrenamtlichen mit einem Offenen Brief erneut an die LEG. Darin legten sie ausführlich dar, weshalb sie die Kündigungsgründe für nicht haltbar halten und warum der Treffpunkt – insbesondere vor dem Hintergrund zunehmenden Leerstands im Zentrum Berg Fidels – eine wichtige Rolle für die Nachbarschaft spielt. Auf dieser Grundlage forderten sie den Immobilienkonzern erneut auf, die Kündigung zurückzunehmen. Eine Antwort der LEG blieb aus. Zum Ablauf der Kündigungsfrist Ende März erklärte der Verein schließlich öffentlich, die Kündigung nicht anzuerkennen und die Räume weiterhin zu nutzen.

Die nun eingereichte Räumungsklage eskaliert den Konflikt weiter und begräbt die Hoffnungen auf eine baldige Lösung. „Die Klage lässt keinen Zweifel daran, dass die LEG bereit ist, einen wichtigen sozialen Ort im Viertel zu schließen, um ihre Kündigung durchzusetzen“, sagt Dorit Neumann von Berg Fidel Solidarisch. „Gerade jetzt, wo große Teile der Ladenzeile leer stehen und die letzte Hausarztpraxis geschlossen hat, ist das für viele Menschen im Viertel völlig unverständlich.“
Trotz der Klage zeigt sich die Initiative kämpferisch. „Als wir 2018 mit einer Handvoll Nachbar:innen angefangen haben, hätte niemand geglaubt, dass daraus Jahre später ein eigener Raum, eine selbstorganisierte Mietberatung und eine Bewegung entstehen würden, die hunderte Menschen im Viertel mobilisiert.“, sagt Gabriele, Gründungsmitglied von Berg Fidel Solidarisch und seit 37 Jahren Bewohnerin des Stadtteils. „Seitdem hat Berg Fidel gelernt zu kämpfen. Wir haben erlebt, dass sich Widerstand lohnt und dass wir gemeinsam stärker sind. Hinter diese Erfahrung fallen wir nicht mehr zurück. Wer denkt, eine Kündigung oder eine Klage würde uns stoppen, unterschätzt die Menschen in diesem Viertel.“

Der Verein kündigt an, sich juristisch gegen die Klage zu wehren und hat für das Verfahren den Berliner Mietrechtsanwalt Marek Schauer beauftragt. Schauer ist Vorstand der Berliner Mietergemeinschaft und vertritt seit vielen Jahren Mieter:innen in Auseinandersetzungen mit großen Immobilienunternehmen.
„Die LEG ist der dominierende Akteur auf dem Wohnungsmarkt in Berg Fidel und verfügt im Zentrum des Stadtteils faktisch über ein Monopol bei Gewerbeflächen“, erklärt Schauer. „Eine solche Stellung bringt besondere Verantwortung mit sich. Besonders problematisch wäre es, wenn diese Marktmacht genutzt würde, um kritische Stimmen oder Formen der Mieterorganisierung unter Druck zu setzen. Genau deshalb reicht die Bedeutung dieses Falls weit über einen gewöhnlichen Mietrechtsstreit hinaus.“
Nach Einschätzung des Anwalts steht die Auseinandersetzung exemplarisch für einen Konflikt, der in vielen Städten Deutschlands an Bedeutung gewinnt: Die Frage, wie viel Einfluss große Immobilienkonzerne auf das Leben in ganzen Stadtteilen ausüben können und welche Möglichkeiten Mieter:innen haben, sich dagegen zu organisieren. „In Städten wie Berlin erleben wir seit Jahren, dass die gesellschaftliche Akzeptanz großer Wohnungskonzerne schwindet, wenn wirtschaftliche Interessen dauerhaft über die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner gestellt werden“, so Schauer.
Die LEG geriet in den vergangenen Jahren wiederholt wegen ihres Umgangs mit rechtlichen Vorgaben in die Kritik. Auch dem Nachbarschaftstreff Berg Fidel e.V. wurde zeitgleich mit der Kündigung eine rechtswidrige Mieterhöhung von rund 65 Prozent angekündigt, die nach einem Widerspruch des Vereins zurückgenommen werden musste. Zudem sieht sich das Unternehmen aktuell mit Vorwürfen der Verbraucherzentrale im Zusammenhang mit sogenannten „fingierten TV-Verträgen“ in hunderttausenden Fällen konfrontiert. Die bisherigen Erfahrungen des Vereins mit dem Unternehmen lassen jedenfalls nicht erwarten, dass die Kündigung einer gerichtlichen Überprüfung uneingeschränkt standhalten wird.

Dennoch ist sich die Initiative der ungleichen Kräfteverhältnisse bewusst. „Natürlich ist das ein Kampf David gegen Goliath. Wir sehen uns hier mit dem zweitgrößten Wohnungskonzern Deutschlands konfrontiert, der fest entschlossen ist, mit aller Härte gegen unsere solidarische Selbstorganisierung vorzugehen“, sagt Frederic Brüggemann, Vorstandsmitglied des Nachbarschaftstreff Berg Fidel e.V. „Aber wir haben in den vergangenen Monaten enorme Unterstützung aus dem Viertel, aus Münster und darüber hinaus erfahren. Wir werden alles tun, um diesen Ort für die Nachbarschaft, die Tafel und unsere Arbeit zu erhalten.“
Die Initiative sieht sich unabhängig vom Ausgang des Verfahrens gestärkt: „Wir konnten im Kampf gegen die Kündigung viele Themen bündeln, die die Nachbarschaft beschäftigen. In den letzten Monaten haben sich so viele Menschen wie noch nie aktiv eingebracht. Wir sind an dieser Herausforderung gewachsen und haben enorme Fortschritte gemacht. In vielerlei Hinsicht haben wir deshalb schon jetzt gewonnen. Jeder Tag, an dem dieser Ort genutzt wird, ist ein Gewinn für die Nachbarschaft.“
Abschließend richtet Berg Fidel Solidarisch noch einmal klare Worte an die Politik: „In den vergangenen Monaten hatten alle Verantwortlichen ausreichend Gelegenheit, sich ein Bild von der Situation zu machen. Jetzt geht es nicht mehr um Information, sondern um Haltung. Wir erwarten, dass die Politik Farbe bekennt und sich nicht länger hinter angeblicher Neutralität versteckt. Daran werden wir sie messen“.